Sonntag, 11. Januar 2015

Schleichwerbung für das Cochlear Implantat

begegnet mir immer wieder in den Medien und jedesmal muss ich darüber den Kopf schütteln, weil die Realität ganz anders aussieht. Und man kennt sich ja immer besser mit der Materie aus, wenn man selbst davon betroffen ist.

Erst neulich räumte ich mal so richtig auf in meinem Zimmer und fand in einer meiner vielen Taschen mein Cochlear Implantat, welches sich in meinen Händen wie ein Fremdkörper anfühlte nach so langer Zeit. Es lag nämlich seit Sommer 2012 in der Tasche, was im Endeffekt bedeutet, dass ich es seitdem nicht mehr anhatte. Und ich habe es seitdem kein bisschen vermisst oder eine Situation gehabt, wo ich dachte: "Au fein, jetzt wäre es mal gut, wenn ich das Cochlear Implantat anhätte."

Nicht im Kino, nicht im Konzert von Radio Doria. Nicht bei meinem Gesprächen mit Frau Bundeskanzlerin Merkel oder mit anderen Poltikern. Nicht im Gespräch mit meinen Freunden und Familie. Ich habe es einfach gar nicht gebraucht. Das ist aber auch meinen ziemlich guten Lippenlesefähigkeiten zuzuschreiben und meiner Kommunikativtätä. Und selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass dies nicht automatisch für alle Gehörlose gilt, was ich aber immer wieder in vielen Interviews betont habe.

Aber was passiert in den Berichten über das Cochlear Implantat? Es wird immer wieder so getan, als ob  das Cochlear Implantat jedem gehörlosen Menschen automatisch zur einem solch gutem Gehör verhilft, so dass man keine Gebärdensprachdolmetscher mehr braucht - es wird also suggiert: Cochlear Implantat = selbstbestimmtes und unabhängiges Leben.

Kann mir mal einer die Frage beantworten, warum die vollständige Funktionsweise von allen 5 Sinnen einen Menschen erst dann dazu befähigen, ein vollwertiges und selbstbestimmtes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein? An dieser Stelle will ich noch das Laufen und das Denken hinzufügen, dann hätten wir alle Bereiche abgedeckt, die von einer Behinderung betroffen sein können.

Ich bin der Ansicht, dass nicht die Behinderung Menschen mit Behinderung behindert noch das Leben mit Behinderung schlimm ist. Es sind die Barrieren in der Umwelt, die die tatsächliche Behinderung sind!

Zurück zum Thema: Die Welt schreibt über den gehörlosen HNO-Arzt Dr. Zeh, der im Alter von 7 Jahren ertaubt ist und dann im Alter von 30 Jahren mit dem Cochlear Implantat versorgt wurde.

Zum Artikel geht es hier lang: http://www.welt.de/gesundheit/article136125780/Ein-Kulturschock-nach-30-Jahren-Taubheit.html

Und mich befremdet es deutlich, wenn ein HNO-Arzt, welcher ein klassischer Spätertaubter ist und somit ein Idealkandidat für die Versorgung mit dem Cochlear Implantat ist, nicht klar differenziert und somit alle Gehörlosen als versorgungsoptimal ansieht. Dr. Zeh sagt im Artikel dann noch, er würde heute nach der Operation keine Gebärdensprachdolmetscher mehr brauchen und suggiert damit, dass es allen Gehörlosen so geht.

Das ist falsch. Das einzig gute am Artikel ist, dass wenigstens auf die Studie von Szagun hingewiesen wird, dass es Studien gibt, wonach 50% der Kinder, die mit einem Cochlear Implantat völlig normal zum Spracherwerb kommen, aber 50% der Kinder bleiben beim Erwerb der Sprache entwicklungsverzögert oder weisen Abweichungen dabei auf.

DAS ist nämlich das, was die meisten Ärzten und auch die Cochlear-Implantat-Industrie den betroffenen Eltern mit einem gehörlosen Kind NICHT erzählen. Grundsätzlich wird das CI immer als Wunderheilmittel verkauft, auch in Filmen und in Dokus. Und das ist etwas, was ich eine dreiste Unverschämtheit empfinde, weil die Realität da draußen nämlich anderes aussieht.

Der WELT-Artikel ist insofern nichts anderes als eine indirekte Schleichwerbung, wenn man sich mal etwas näher mit der Materie beschäftigt.

Und was man sich merken sollte in Sachen Cochlear Implantat: Spätertaubte sind Idealkandidaten, sie kommen in 95% der Fälle sogut wie immer an ihr altes Hörvermögen heran. Ich führe an dieser Stelle immer wieder gerne ein Beispiel an: Die Festplatte eines Spätertauben hat im Gehirn bereits Hörinformationen abgespeichert, die wieder reaktiviert werden können.

Die Festplatte eines gehörlos geborenen Menschen hat keine Hörinformationen, dieses Gehirn arbeitet einfach anders und MUSS es noch lernen. Manche Kinder schaffen es, manche nicht. Und gehörlose Kinder mit einem Cochlear Implantat, die keine Erfolgsgeschichte vorweisen können, sind keine Versager. Das Hören ist halt nichts für sie. Man sollte IMMER bedenken, dasss die Kinder den Weg alleine gehen müssen und das finde ich einem Kind gegenüber einfach unfair, denn die allerwenigsten hörenden Eltern eines gehörlosen Kindes lernen die Gebärdensprache. Das Beste für ein Kind ist nicht immer das, was für die Umwelt am besten ist - also die totale Anpassung des Kindes an die Umwelt.

Das ist jetzt kein Vorwurf an die Eltern, es ist nur eine Feststellung, dass man mal ein paar Schritte zurückgehen sollte und die Sache aus einer anderen Perspektive anschauen sollte.

Wir müssen als Gesellschaft weg von einer Gesellschaft der Anpassung an das "Normale", denn das bringt uns als soziale Individuen nicht weiter. Wir können nämlich alle voneinander lernen und so ist eine Gesellschaft der Viefalt und der daraus entstehenden Barrierefreiheit ein Gewinn für alle.

Kommentare:

  1. Ich empfehle:
    Baby dürfen nicht CI. Ab 14 jahre alt dürfen CI,wenn wünschen. Arzt redet nur CI,aber oft lügen. Ich bitte,um Arzt sollen Wahrheit reden.

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  2. Du hast aus meinem Herzen gesprochen, was Kinder angeht....

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  3. Danke für diese Sichtweise! Aber wie finde ich heraus, ob ein CI das Richtige für mein Kind ist? Nur durch probieren, oder?

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  4. Hallo Mama Schlappohr - am wichtigsten ist in meinen Augen immer noch eine funktionierende Kommunikation innerhalb einer Familie - möglichst via Gebärdensprache und Lautsprache. Also so wie in den binationalen Familien. :-)

    Und erst mal würde ich schauen, dass die Möglichkeiten der Versorgung mit einem Hörgerät so gut und so weit ausgereizt sind, so dass man weiß: "Aha, hier wäre eine mögliche Grenze, wir könnten es mit dem CI probieren."

    Aber vor allem sollte man mit dem Kind darüber reden und es fragen, einbeziehen und alles, denn das Kind muss ja die ganze Arbeit leisten..

    Ich hoffe, ich konnte mit dem Vorschlag etwas weiterhelfen. :-)

    LG Julia

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