Samstag, 18. Juli 2015

Mehr Musikvideos statt mehr ECHTE Barrierefreiheit im Fernsehprogramm?!

Ich bin momentan ziemlich sauer auf den NDR! 

Warum? Die haben jetzt mit stolz geschwellter Brust verkündet, die wollen jetzt MEHR Musikvideos in Gebärdensprache anbieten statt MEHR Untertitel und Nachrichten in Gebärdensprache. Hier ist die Pressemitteilung: http://www.ndr.de/fernsehen/service/Mehr-Untertitel-im-NDR-Fernsehen-Leichte-Sprache-neu-im-Angebot-,barrierefrei172.html

Und der Deutsche Gehörlosenbund stimmt dem auch noch zu. Hallo? Wie kann man einer solchen Vereinbarung zustimmen, dass man den Fokus auf etwas völlig unwichtiges setzt statt echter Barrierefreiheit und somit Teilhabe am Geschehen?

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der NDR setzt auf die Musikvideos in Gebärdensprache, die von einer hörenden Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt werden. Mehrwert für Gehörlose? Gleich null.

Beim ESC in Wien konnte man auf EinsPlus die Übersetzungen der Lieder in Gebärdensprache mitverfolgen und das war ein ganz großer Hit. Und das lag auch daran, das die Übersetzungen der Lieder von tauben/gehörlosen Gebärdensprachdolmetschern, also echten Muttersprachlern gemacht wurde. Das hat eine ganz andere und sehr viel höhere Qualität als die Übersetzungen einer Gebärdensprachdolmetscherin in solchen Musikvideos, die sich dafür feiern lässt, dass sie die Musik für die armen, armen, armen Gehörlosen übersetzt.

Hier mal der Song "Black Smoke"  von Ann Sophie von der Dänin Camila Abelgren in International Sign performt: http://www.eurovision.de/videos/Black-Smoke-in-Gebaerdensprache,blacksmoke102.html

Kleiner Exkurs: Internationals Sign ist sozusagen das Esperanto in Gebärdensprache, da dort 4 verschiedene Gebärdensprache diese Gebärdensprache am stärksten beeinflussen. Es ist eine Mischung aus amerikanischer, britischer, französischer, skandinavischer Gebärdensprache. Kann man hier nachlesen: https://en.wikipedia.org/wiki/International_Sign

Für mich als Gebärdensprachlerin hat es einfach eine bessere Qualität, weil hier wirklich echte und pure Gebärdensprache von Gehörlosen gezeigt wird. Es gibt RARE Ausnahmen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern/Gebärdensprachler, die das übersetzen können, aber das sind dann meistens CODAS. (Children of deaf Adults - Hörende Kinder mit gehörlosen Eltern - die saugen die Gebärdensprache schon mit der Muttermilch auf).

Hier ein interessanter Bericht über die tauben/gehörlosen Gebärdensprachdolmetscher vom ESC 2015: http://songcontest.orf.at/events/stories/2692040/ Bestes Zitat daraus: "YouTube-Hits wie den des Schweden Tommy Krangh, der durch seine Gebärdensprachinterpretation des diesjährigen schwedischen Beitrags zu Berühmtheit gelangte, finden gehörlose Menschen meist nur mäßig lustig. Kritisiert werden die extrovertierten Gebärden, die mehr an eine Tanzshow als an eine Übersetzung erinnern und eine visuelle Überflutung bewirken. Die Körperhaltung müsse viel ruhiger sein, so Yilmaz, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält: „Wieder einmal sind hier Hörende beeindruckt, Gehörlose schmunzeln - mehr nicht. Zielpublikum verfehlt.“

Die Frage ist: Warum setzt der NDR den Fokus auf die Musikvideos in Gebärdensprache? Die Antwort ist so zynisch wie einfach: Es kommt gut an bei den unaufgeklärten Hörenden, die den NDR dann für seine soziale Ader feiern, den (armen) Gehörlosen den Zugang zur Musik durch diese Musikvideos zu geben.

Wenn der NDR es mit der Inklusion wirklich ernst meinen würde, dann sollte der NDR die Musikvideos von gehörlosen/tauben Gebärdensprachdolmetschern übersetzen lassen - eben von Gehörlosen FÜR Gehörlose!

Ich will nicht MEHR Musikvideos in Gebärdensprache von dieser Gebärdensprachdolmetscherin. Es sind in der Regel meistens wirklich nur Hörende, die die Videos auf YouTube anklicken. Was macht eigentlich der NDR mit dem Geld, welches er durch die Klicks erzielt? Das ist der Punkt, warum man auch auf die Musikvideos in Gebärdensprache setzt. Bringt alles Geld und sieht toll aus. Um die Gehörlosen und Barrierefreiheit geht es da gar nicht. Im übrigen: Mit einem Budget von jährlich 2,5 Mio € hat der NDR genügend Geld, um Sendungen barrierefrei mit Untertitel, Gebärdensprachdolmetscher und Audiodeskription zu erstellen.

Auf den Wunsch, dass mehr Nachrichtensendungen in Gebärdensprache notwendig sind, geht der NDR gar nicht ein in seiner Pressemitteilung. Deutschland wurde vom UN-Menschenrechtsratausschuss erst im März 2015 dafür gerügt, dass es zu wenige Angebote mit Gebärdensprache im Fernsehen gibt.

Und die Deutsche Gesellschaft für Hörgeschädigte, die eher für Schwerhörige zuständig ist, äußert den Wunsch nach mehr Gebärdensprache, während der Deutsche Gehörlosenbund sich dem NDR gegenüber sehr unterwürfig zeigt und mit dem Angebot des NDR zufrieden ist?!

Weshalb schluckt der Deutsche Gehörlosenbund diese Kröte? Vor einigen Jahren gab der NDR die Parole aus, dass der Fokus erst mal auf der Erhöhung der Untertitel liegt und man deshalb die Angebote in Gebärdensprache zurückstellt. Und der Wunsch nach mehr Angeboten in Gebärdensprache bedeutet NICHT: Mehr Musikvideos in Gebärdensprache, sondern NACHRICHTEN und Kindersendungen mit Gebärdensprache! Eben Teilhabe AM Fernsehprogramm und nicht extern ein Zuckerlbonbon, von dem wir Gehörlosen/Schwerhörigen kaum etwas haben.

An dieser Stelle: Ich bin mit dem Angebot des NDR ganz und gar nicht zufrieden. Ich erlebe es sehr oft, dass die Untertitel beim NDR sehr stark verkürzt und vereinfacht sind. Es ist grauenhaft, wenn man MEHR ablesen kann als tatsächlich im Untertitel steht. Besonderes schlimm kann man das beobachten bei der Sendung "DAS!" vom NDR. Kommt mit Untertitel. Und zwar live - die Untertitel sind erbärmlich schlecht, es wird höchstens 40% des Gesagten untertitelt. Aber es kommt noch schlimmer, denn schaut euch mal das hier an:
29. Januar 2015

03. Juli 2015

Das ist wirklich ein heftiger Bock, oder?  Die Sendung "DAS!" wird in der Mediathek nicht mit Untertitel zur Verfügung gestellt, weil…. das nicht GEHT! Hallo? Wir Gehörlosen und Schwerhörigen zahlen auch GEZ, da dürfen wir dann erwarten, dass dann eine Sendung mit Untertitel SELBSTVERSTÄNDLICH auch mit Untertitel in die Mediathek gestellt wird. Punkt!

Und besonders dreist finde ich auch, dass der NDR in seiner Pressemitteilung verlauten lässt, man lege jetzt nun AUCH den Fokus auf die "Leichte Sprache."

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk erkennt, dass es den Bedarf nach leichter Sprache gibt und dem Wunsch auch nachkommt.

Aber man darf unter keinen Umständen verschiedene Bedürfnisse gegeneinander ausspielen. Das geht gar nicht.

Meiner Meinung nach sollte der NDR die Musikvideos in Gebärdensprache komplett streichen und eine Nachrichtensendung mit Gebärdensprache anbieten. Das wäre ein gutes und wichtiges Signal für Inklusion und würde auch die Sichtbarkeit der Gebärdensprache erhöhen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dadurch bei dem einen oder dem anderen Zuschauer der Wunsch nach dem Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wach wird, denn es gibt einen hohen Gebärdensprachdolmetschermangel hier in Deutschland.

Zum Abschluss lege ich euch nochmal den Artikel von der gehörlosen/tauben Karin Schmidt aus der Deutschen Gehörlosenzeitung ans Herz, die sehr TREFFEND beschrieben hat, warum das Musikdolmetschen durch Fernsehen und Presse die Sicht auf taube/gehörlose Menschen verzerren:

http://www.taubenschlag.de/cms_pics/dgz_201411_taube_musik.pdf

Bester Satz aus diesem Artikel:"Über taube Menschen zu berichten und dabei Musik als Hauptaugenmerk zu haben ist genauso politisch und kulturell inkorrekt, wie wenn eine Talkshow zum Thema "Ethisch-moralischer Umgang in Schweinezucht und Schlachtung" veranstaltet wird und dazu strenggläubige Muslime eingeladen werden."

So ist es und ich hoffe, dass der NDR sich die Zeit nimmt und mal darüber nachdenkt, dass er sich da in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion wirklich nicht korrekt verhält.

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