Mittwoch, 19. August 2015

Ikea in falschen Händen

Den Möbelriesen Ikea kennt ja jeder - auch ich warte schon ganz ungeduldig auf den neuen Katalog von Ikea. Auch bringen mich die Ikea Spots im Fernsehen oft zum Lachen, weil sie oft witzig oder herzerwärmend sind.

Nun gibt es einen Spot von Ikea Österreich, welcher mich wirklich nicht zum Lachen bringt oder dazu bringt, dass ich ihn teilen will. Ich tue es aber dennoch auf diese Weise im Blogartikel, da es wichtig ist, klarzumachen, dass dieser Spot Gehörlose und unsere wunderschöne Sprache, die Gebärdensprache diskriminiert.

Da sitzen zwei Leute am Tisch, gebärden. Und alle denken: "Oh, wie süß!"

Dabei ist nichts an dem Werbeclip süß. Die Frau ist eindeutig nicht gehörlos, der Mann nach meinen Informationen auch nicht, obwohl er ganz gut die Gebärden verinnerlicht hat. Aber er gebärdet vor allem am Anfang sehr holperig. Das Verhalten der beiden ist nicht gehörlosentypisch - heute morgen habe ich darüber mit meinen gehörlosen Freunden diskutiert.

Durch die holperigen Gebärden der beiden wird die Schönheit der Gebärdensprache gar nicht erst erfasst und vor allem das Bild von der Gebärdensprache in der Öffentlichkeit verzerrt.

Und was auch noch auffällt: Die Frau dreht dem Mann den Rücken zu und sagt: "Ich bin schwanger." So ein Verhalten würden Gehörlose untereinander nie machen. Bei uns gilt es als äußerst unhöflich, wenn man im Gespräch mit uns ohne besonderen Grund irgendwohin guckt, denn für uns ist Augenkontakt sehr wichtig. Und das wissen auch Hörende, die mit Gehörlosen zusammen sind, dass Augenkontakt wichtig ist oder dass man einem Gehörlosen im Gespräch nie den Rücken zudrehen sollte.

Das ist für uns so, als ob jemand im Telefonat plötzlich keine Rückmeldung mehr gibt, ob die Person am anderen Ende der Leitung noch da ist oder plötzlich ohne Vorwarnung einfach auflegt.

Im Ikea-Werbeclip wird an mehreren Stellen Audismus gegen Gehörlose praktiziert: 1. Man lässt Hörende Gehörlose spielen, die dann noch sehr schlecht gebärden. 2. Die Frau dreht sich im Gespräch um.

Kleiner Exkurs in Sachen Audismus: Unter Audismus versteht man das diskriminierende Verhalten gegen taube/gehörlose und schwerhörige Personen, welches aus verschiedenen Formen von systematischer Unterdrückung besteht.

Schade, dass hier ausgerechnet Ikea ein Paradebeispiel abgibt für einen Werbeclip, der mehrfach diskriminierend ist. Ich habe nicht den Eindruck von Ikea aufgrund deren Firmenphilosophie, dass dies so gewollt war. Dennoch: Ikea hat das Budget dazu sich zu informieren und zu schauen, was es sonst so an netten Werbeclips in Sachen Gebärdensprache gibt. Schade, dass es nicht hingehauen hat bei Ikea.

Ikea wollte offensichtlich einen Werbeclip, der sich von anderen abhebt im positiven Sinne. Das tut er leider nicht. Wirklich innovativ wäre ein Werbeclip gewesen mit echten gehörlosen Darstellern - das hätte Ikea erst recht von der Masse abgehoben.

Mir hätte es sehr gut gefallen, wenn es einen netten Ikea-Clip gegeben hätte mit echten Gehörlosen - etwa so: Ein gehörloses Paar zieht um - Freunde helfen dem Paar beim Umziehen. Alle lachen, sind gut gelaunt. Plötzlich klingelt es an der Türe - dies wird durch eine Lichtsignalanlage angezeigt, die Nachbarn stehen vor der Türe mit Brot und Salz. Beim Aufmachen der Türe bemerken die Nachbarn, dass die neuen Nachbarn gehörlos sind. Das gehörlose Paar gebärdet: "Willkommen in unserem neuen Zuhause." Dann hätte der Slogan kommen können: "Zuhause ist, wo wir willkommen sind." oder :"Zuhause ist, wo wir zusammen sind."

Ja doch. Das hätte mir sehr gut gefallen.

Ich habe also einen Wunsch an die Werbeindustrie: Wenn ihr schon Gebärdensprache und Gehörlose für die Werbung entdeckt, dann lasst euch bitte in dieser Hinsicht anständig beraten und nehmt echte Gehörlose als Darsteller.

Mal sehen, ob sich da was ändern wird. Auch die Werbung muss inklusiv sein, damit das Signal ganz eindeutig in Sachen Inklusion geht.



1 Kommentar:

  1. Liebe Julia,

    ich habe es anders verstanden. So, wie ich den Clip sehe, wird der Mann als gehörlos dargestellt und die Frau als hörend. Ich glaube das, weil sie hörbar flüstert, während sie gebärdet - er aber nicht.

    Ich interpretiere es so: sie ist verdutzt von seiner Ankündigung, nach Südamerika zu gehen. Sie dreht sich um, um sich zu sammeln - und gebärdet "schwanger". Sie weiss dabei durchaus, dass er sie so nicht verstehen kann - aber sie ist zunächst im Zweifel, wie er reagieren wird, und zeigt sich ihm deshalb nicht offen. Erst, als er nachhakt, dreht sie sich um und wiederholt die Gebärde.

    Ich finde den Clip durchaus in sich stimmig, wenn ein Pärchen gezeigt werden soll, bei dem einer gehörlos ist und die andere hörend. Aber natürlich entwertet das nicht Dein Argument, dass auch gehörlose Schauspieler eingesetzt werden sollten, wenn Gehörlose auftauchen.

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