Mittwoch, 2. September 2015

Der WDR hat kein Herz für Minderheiten!

Die Sendung "Sehen statt Hören" feiert dieses Jahr den 40. Geburtstag. Eine Sendung in ihren besten Jahren also, die nichts von ihrer Attraktivität für Gehörlose verloren hat trotz des Weggangs der Ikone Jürgen Stachlewitz, der wegweisend für "Sehen statt Hören" war.

Stachlewitz war für mich eine der prägendesten Identifikationen in der Gehörlosenszene, er war der erste gehörlose Moderator im deutschen Fernsehen, der in deutscher Gebärdensprache moderiert hat. Eben einer, der durch seine Anwesenheit sagte: "Yes, we can!"

Aber was ist "Sehen statt Hören" eigentlich? Es ist die einzige Sendung bisher im deutschen Fernsehen, welche in Gebärdensprache moderiert und informiert und sich an Gehörlose, Schwerhörige und Hörende richtet, was daraus ersichtlich wird, dass es feste Untertitel gibt. Die Sendung kommt immer Samstags um 10 Uhr vormittags im Bayerischen Fernsehen. Informiert wird über Gehörlosenkultur, Gebärdensprache und allem drum und Dran aus der Gehörlosenwelt und das nicht nur auf Deutschland begrenzt, sondern auch mit dem Blick in andere Länder. Auch für mich ist das immer wieder spannend zu gucken, wie die Gehörlosenkultur in anderen Ländern aussieht.

Die Finanzierung war bisher so: Der BR trägt den Löwenanteil der Kosten, der WDR ist Ko-Produzent der Sendung.

Jetzt steigt der WDR jedoch aus der Ko-Produktion aus, was zur Folge hat, dass der BR prüfen muss, ob man genausoviele Folgen produzieren kann wie bisher.

Für den WDR ist der Ausstieg beschlossene Sache, womit der Fernsehsender also in den Zeiten, wo jeder über Inklusion redet, ein Signal gegen Inklusion gibt, indem er eine barrierefreie Sendung nicht mehr mitproduziert.

Das steht entgegen dem Programmauftrag des WDR, denn dort heißt es unter § 4 folgendes:
"In seinem Angebot leistet der WDR einen Beitrag zur Vermittlung von Allgemeinbildung und Fachwissen in Ergänzung zu Schule, Ausbildung und Beruf. Er trägt mit seinen Angeboten dem Erfordernis lebenslangen Lernens ebenso Rechnung wie der Stärkung der Medienkompetenz und der Förderung der sozialen und gesellschaftlichen Integration. Bildungsangebote im Sinne der Sätze 1 und 2 sind Angebote der Wissensvermittlung und Weiterbildung insbesondere in den Bereichen Wissenschaft und Technik, Kultur und Religion, Geschichte und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sowie Sprache." Quelle: http://www1.wdr.de/unternehmen/organisation/rechtsgrundlagen/rechtsgrundlagen_gesetz100.pdf

Der Ausstieg des WDR aus der Koproduktion ist eine Katastrophe aus vielen Gründen. Seinem Programmauftrag kommt der WDR damit nicht nach.

Und Geld ist nicht das Problem. Ganz im Gegenteil: Das Fernsehen hat 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen an Rundfunkgebühren eingenommen - das Geld wird derzeit geparkt. Die Entscheidung, was mit dem Geld passieren soll, ist auf Frühjahr 2016 verschoben worden. In dieser Sache habe ich die Ministerpräsidenten der Länder bereits im Juni 2015 angschrieben mit der Bitte, dass das Geld für die Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen ausgegeben wird. Die Antworten waren übrigens mehrheitlich lang und schwurbelig.

Dazu kommt noch, dass Deutschland vor dem UN-Menschenrechtsratsauschuss im März 2015 heftig dafür gerügt worden ist, dass es kaum Nachrichten und Sendungen mit Gebärdensprache im deutschen Fernsehen gibt.

An dieser Stelle muss ich mich doch sehr fragen, ob der WDR überhaupt weiss, welcher wichtigen gesellschaftlichen und politischen Verantwortung er sich damit entzieht?

Wenn man sich so die Argumente des WDR durchliest, dass der WDR die Sendung "Sehen statt Hören" für überholt hält in dieser Form und nur dann weiterhin mitfinanziert hätte, wenn es die Sendung nur noch online gegeben hätte, dann ist das ein gewaltiger Verstoß gegen den eigenen Programmauftrag.

Auf gut Deutsch heißt das nämlich: Der WDR will, dass die einzige Sendung mit Gebärdensprache und festen Untertitel online in der Versenkung verschwindet, womit auch die Sichtbarkeit der deutschen Gebärdensprache minimalisiert wird im deutschen Fernsehen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass es ewig gedauert hat, bis "Sehen statt Hören" endlich auch in der Mediathek verfügbar war, denn es hat ewig geheißen, dass dies nicht möglich ist, bis dann vor etwa 2 Jahren die Verfügbarkeit auch in der Mediathek möglich war, was ein enormer Vorteil war: Endlich konnten wir Gehörlosen keine Sendung mehr verpassen und auch Hörende eine Link zu der Sendung zeigen. Eben eine Eingangstüre in unsere Welt. :-)

Übrigens ist ebenfalls "CosmoTV" beim WDR von der Absetzung betroffen, das ist eine Sendung, die sich sich an Menschen mit Migrationshintergrund richtete.

Die neue Charmeoffensive des WDR kann man also ganz klar bezeichnen als:"Wir haben kein Herz für Minderheiten."

Ich bin gespannt, wie der WDR sich aus dieser Äffäre ziehen will.

Ebenfalls bin ich gespannt, ob der Rundfunkrat diesem Kahlschlag in der Rundfunkratsitzung am 18.8.15 zugestimmt hat. Dann ist das ein doppelter Skandal, wenn da ein zweifaches Signal gegen Inklusion kommt aus der Medienlandschaft und aus der Politik. 

Hier geht es übrigens zu dem TAZ-Link, wo über die Pläne des WDR berichtet wird: http://www.taubenschlag.de/cms_pics/SSH-Co-Finanzierung.jpg

Bericht von Medienmeister: https://medienmeister.wordpress.com/2015/08/12/kahlschlag-im-programm-wo-der-wdr-die-axt-ansetzt/

Kommentare:

  1. Ehrlich gesagt, ich halte es für sinnvoller, mit dem Geld 100% Untertitel komplett in allen Filmen und Werbung zu finanzieren - so wie es in England und USA ist! Auch von Hörgeschädigten wird man heute verlangen können, dass sie die Schriftsprache beherrschen!? Oder? Inklusion muss von beiden Seiten kommen, also sollte man einen gemeinsamen Nenner der Kommunikation für möglichst alle suchen! Von UT haben alle was, nicht nur Hörgeschädigte, sondern z.B. auch Menschen mit Migrationshintergrund...

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  2. Ähm. Ich bin hörend, aber anderer Meinung als der Vorschreiber. Wenn man als hörendes Kind auch hin und wieder mit Gebährdensprache konfrontiert wird, wird durch Nachfrage bewusst, dass es überhaupt Menschen ohne Gehör gibt und man entwickelt eine Toleranz und Sensibilität für das Thema.

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