Montag, 7. September 2015

Die Aktion Mensch und der Bundespräsident

Die beiden verbindet eine ganz dicke Freundschaft, die so dick ist, dass der Bundespräsident die Aktion Mensch als total geniales Geschäftsmodell bezeichnet in seiner Rede deren 50. Geburtstag und sich die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest durch die Aktion Mensch finanzieren lässt.

Ich zitiere mal aus dem Bericht der Aktion Mensch zum 50. Geburtstag: "Das Geschäftsmodell der Aktion Mensch  nannte Gauck kurz eine „total geniale Aktion“ und meint damit die Verbindung, selbst zum Lotterie-Gewinner zu werden – und gleichzeitig für andere etwas Gutes zu tun. „Das WIR gewinnt – drei Worte, maßgeschneidert für die Lotterie, wie für das Leben“, fasste Gauck zusammen. Zudem sei es „die kürzeste Beschreibung für Inklusion, die ich kenne.“ Und auch zu diesem Thema – Inklusion – hatte Gauck einiges zu sagen. „Inklusion ist eine enorme Herausforderung, aber keine Utopie“, hielt er fest. Wir seien erst dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, „wenn Menschen mit Behinderung das gleiche Maß an Hoffnungen, das gleiche Maß an Wünschen zugestanden wird, wie jedem anderen Menschen auch.“ Der spontane Applaus zeigte: Hier sprach Gauck vielen der Anwesenden aus dem Herzen." Quelle: https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/ein_hoch_auf_uns.html

Total genial, wenn man dann zur Aktion Mensch gehen kann: "Mach es zu deinem Projekt" und einen Antrag auf die Finanzierung der Gebärdensprachdolmetscher einreichen kann und im Gegenzug der Aktion Mensch die Möglichkeit gibt, sich werbewirksam auf dem Bürgerfest zu präsentieren. "Schaut mal her, wie sozial und barrierefrei wir sind." Sehr geniale Freundschaft.

An diesem Punkt stelle ich mal die Frage: Hat der Bundespräsident bzw. das Bundespräsidialamt kein eigenes Budget für Barrierefreiheit, so dass diese bei der Aktion Mensch betteln gehen muss?

Der springende Punkt bei allem ist nämlich: Das Bundespräsidalamt ist eine Bundesbehörde ist, die laut BGG zu Barrierefreiheit verpflichtet ist, was also bedeutet, dass die ein eigenes Budget für Barrierefreiheit haben müssen und sich das nicht über irgendwelche Amigos äh.. Finanzierungsanträge von außen sponsern lassen müssen.

Woher weiß ich eigentlich, dass die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest finanziert? Unter anderem habe ich das hier beim Taubenschlag gelesen:

Bürgerfest des Bundespräsidenten Dort heißt es wie folgt: "Das Bühnenprogramm wird für gehörlose Menschen von Gebärdensprachdolmetscherinnen übersetzt. Dies ist der Aktion Mensch zu verdanken, die den Dolmetscheinsatz finanziert."

Und ich hab noch bisschen weiter gewühlt, im Programmheft von 2013 findet sich dieser Satz zur Aktion Mensch:"Die Sozialorganisation Aktion Mensch e.V. sorgt außerdem für barrierefreie Auftritte auf der Hauptbühne: Gebärdensprachdolmetscher machen die Darbietungen für alle erlebbar."

Gauck und die Aktion Mensch stehen sich wirklich sehr nahe von der Denkweise her, wie man weiter in der Jubelrede nachlesen kann:
„Unsere Gesellschaft musste und muss noch immer lernen, wie man mit Einschränkungen umgehen kann. Die Aktion Mensch entwickelte sich dabei zu einer erkennbaren Stimme in der gesellschaftlichen Debatte“. So habe die Aktion Mensch entscheidend dazu beigetragen, Denkmuster zu verändern. Ein besonderes Anliegen des Bundespräsidenten war, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Unterstützern der Aktion Mensch zu danken: „Sie haben vorgelebt, was eine Gesellschaft braucht, um sich zu verändern. Ohne all die Haupt- und ehrenamtlich Engagierten hätte die Aktion Mensch nicht werden können, was sie heute ist.“ 

Das stimmt überhaupt nicht.  Die Aktion Mensch ist keine erkennbare Stimme der gesellschaftlichen Debatte - sie präsentiert überhaupt nicht die Haltung der Menschen mit Behinderungen, sondern gibt VOR, diese Haltung zu präsentieren. Und sie hat die Denkmuster nicht verändert, sondern macht es salonfähig, dass Nichtbehinderte für Menschen mit Behinderungen sprechen und als deren Samariter auftreten...

Wie ist es sonst zu erklären, dass die Aktion Mensch ständig falsche Informationen über Menschen mit Behinderungen verbreitet? Bei der WM 2014 hat die Aktion Mensch Fußballergebärden verbreiten lassen und behauptet, die würden auf der deutschen Gebärdensprache basieren, was überhaupt nicht stimmte! Hier dazu mein Blogbeitrag: Die Aktion Mensch und die Fußballergebärden
 

Es ist immer wieder sehr deutlich erkennbar, dass die Aktion Mensch NULL Wissen über die Menchen hat, die sie eigentlich vertreten will. In Wahrheit vertritt die Aktion Mensch etwas ganz anderes: Sie ist nichts anderes als eine Organisation von Nichtbehinderten, die sich durch ihren Bekanntheitsgrad zum "Freund" der Menschen mit Behinderungen aufschwingt und damit Geld vertritt. In meinen Augen gehört die Aktion Mensch komplett verboten, denn es geht nicht, dass eine "Sozialorganisation" Aufgaben des Staates in Sachen Barrierefreiheit übernimmt.

Die Wahrheit ist: Die Aktion Mensch ist das schlimmste, was uns Menschen mit Behinderungen passiert! Sie verbreitet unter anderem gezielt Desinformationen und kümmert sich einen Dreck darum, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dastehen. Hauptsache, es wird über die Aktion Mensch geredet und deren Förderung - ohne die Aktion Mensch wäre das gar nicht zustande gekommen und Menschen mit Behinderungen hätten ohne die Aktion Mensch gar keine Stimme.

So eine hübsche Win-Win-Situation für beide, nicht wahr? Der Bundespräsident hat ein barrierefreies Bürgerfest und die Aktion Mensch kann sich im Sonnenschein des Bundespräsidenten fläzen..

Und, Herr Gauck, wir sind erst in dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, wo Menschen mit Behinderungen GENAU die gleichen Rechte und Chancen zugestanden wird wie Nichtbehinderten. Mit Wünschen hat das Recht auf die Chancengleichheit und kompletter Augenhöhe durch Gleichstellung in jeder Lebensituation nichts zu tun!

Und im übrigen finde ich diese Aussage von Ihnen zum Kotzen:

"Es reißt mich mehr mit, es ist für mich noch faszinierender, diesen Mut dieser Menschen zu sehen, dieses Ja zu einem Leben, das nicht perfekt ist", sagte Gauck im ZDF über seine größere Begeisterung für Behinderte im Vergleich mit den Olympioniken. Quelle: http://www.abendblatt.de/sport/welt-des-sports/article108888869/Gluecksbringer-Gauck-Deutscher-Medaillenregen-zum-Auftakt.html

Wieso meinen Sie eigentlich, sie könnten darüber BESTIMMEN, dass das Leben von Menschen mit Behinderungen nicht perfekt ist? So als Außenstehender? Und dann haben Sie das auf dem Kirchentag in Hamburg nochmal wiederholt:" Bei einer Veranstaltung des evangelischen Kirchentags in Hamburg sagte Gauck am Donnerstag, diese Menschen seien Vorbilder, weil sie trotz ihrer enormen Lasten etwas leisteten. Dieses "Vorbild in Lebensfreude und Lebensbejahung" brauche das Land. "Dich springt ein 'Ja zum Leben' an", sagte er." Quelle: http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/gauck-behinderte-sind-vorbilder-f%C3%BCr-die-gesellschaft

Meine Güte, da haben zwei echt gesucht und gefunden! 

Es ist nicht in Ordnung, wenn eine Bundesbehörde sich die Gebärdensprachdolmetscher, also die Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderungen, durch eine "Sozialorganisation" sponsern lässt. Das darf einfach nicht sein, da "stiehlt" sich eine Bundesbehörde aus ihrer eigenen finanziellen und sozialen Verantwortung mit dieser Art der Finanzierung.


1 Kommentar:

  1. Ich finde hier werden zuviele Dinge miteinader vermengt, die die Sicht auf das eigentliche Problem erschweren.
    Das Thema Sponsoring des jährlichen Bürgerfestes des Bundespräsidenten wurde ja in der Vergangenheit schon immer heiß diskutiert. Da hat sich ja einiges getan. Die Zeit der opulenten Sommerfeste ist vorbei seit Gauck Bundespräsident ist.
    Aber ich stimme dir zu, gerade der Bundespräsident - ein Mann des Wortes - muss sich an seinen Worten messen lassen. Da kann er nicht einerseits begeistert Inklusion begrüßen und andererseits wenn es praktisch und konkret wird sich Dolmetscherdienste für Gehörlose von einer sozialen Organisation sponsern lassen. Das geht einfach nicht und macht ihn unglaubwürdig.
    Was die Aktion Mensch angeht bin ich zwiespältig. Ich sehe nicht, dass deren Engagement der Emazipationsbewegung der Behinderten im Wege steht. Ohne sie, sähe es im Inklusions-Entwicklungsland Deutschland noch düsterer aus. Ich finde aber dass die Lotteriegelder zweckmäßiger eingesetzt werden könnten. Da wird zuviel Geld in den Wind geblasen für öffentlichkeitswirksame aber oft nicht nachhaltige Initiativen.

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