Sonntag, 29. November 2015

"Ich lass mich nicht behindern"

Das war der Titel eines Kamingesprächs in Warendorf bei Münster, wo ich vor Journalisten meine Sicht auf die Inklusion erklären durfte, was sehr viel Spaß gemacht hat. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Und hier gibt es auch schon einen Beitrag dazu: http://www.drehscheibe.org/blog/inklusion-fuer-alle

Für mich sind solche Aufritte meistens mit viel Spaß verbunden, manchmal guckte ich bei einem Argument allerdings so wie Angela Merkel damals bei der legendären Elefantenrunde am Wahlabend, wo Schröder sie abgekanzelt hat und hoffe, dass niemand jetzt diesen Blick jetzt von mir mitbekommen hat. ;-)

Ich war nicht immer mit den Positionen der anderen Seite einverstanden aufgrund der Tatsache, dass ich so denke: "Wer für Inklusion ist, der findet immer Wege und Lösungen dafür. Wer keine will, der macht sich erst gar nicht erst die Mühe."

Was ich auch sehr lustig fand: Am Tag der Veranstaltung, wo der Pressesprecher der Aktion Mensch auch was erzählen durfte, war ich längst nicht mehr vor Ort dabei, sondern längst in Berlin. Aber dank meiner guten Vernetzung habe ich erfahren, dass ich dennoch anwesend war bei dem Werbegespräch von Sascha Decker, weil man nämlich mehrfach über mich gesprochen hat.

Mein Gedanke dazu war: "Du hast ja alles richtig gemacht, wenn man auf einer Veranstaltung, wo du nicht anwesend bist, über dich redet." Und das stimmt auch. Auf die Frage aus dem Publikum, warum die Aktion Mensch keinen Pressesprecher mit Behinderung habe, antwortet der Pressesprecher ohne Behinderung: "Warum muss ich eine Behinderung haben, um für Menschen mit Behinderung zu sprechen?" Beim Lesen auf Twitter dieser Aussage dachte ich mir so: "Aktion Arschloch halt."

Aha, alles klar. Die Aktion Mensch behindert also lieber Menschen mit Behinderung, weil sie immer noch nicht kapiert hat, dass Nichtbehinderte nullkomamnull Recht darauf haben, für Menschen mit Behinderung zu sprechen. Diese "Wir sprechen als große Organisation für Menschen mit Behinderung im Namen von Menschen mit Behinderung-"Attitüde der Aktion Mensch schadet der Inklusion und der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung erheblich.

Nur noch mal zur Klarstellung: Ich habe nichts dagegen, wenn Nichtbehinderte sich stark machen für Menschen mit Behinderung und so eine Unterstützung liefern, aber das darf nicht dazu führen, dass die Stimme von Menschen mit Behinderung weniger zählt als die von Nichtbehinderten, denn auch das ist Inklusion: Niemand nimmt irgendwem die Stimme weg, sondern man ist auf Augenhöhe.

Zum besseren Verständnis: Die Unterdrückung von Menschen mit Behinderung und der paternalistische Umgang mit Menschen mit Behinderung ist schon seit Jahren das "normale" Bild von Menschen mit Behinderung. Das sollte man im Kopf behalten, damit man besser versteht, warum Nichtbehinderte kein Recht haben FÜR und an der Stelle von Menschen mit Behinderung für sie zu sprechen, denn das eine ist meist der Deckmantel des anderen.

Im übrigen: Wenn jemand Hilfe braucht und sagt: "Kannst du mir helfen?", dann ist es doch völlig okay zu helfen - und da macht man doch überhaupt keinen Unterschied, ob die Person eine Behinderung hat oder nicht. Das gleiche gilt auch für: "Kann ich dir helfen?"

Und wenn man sich das mal verinnerlicht hat mit der Unterdrückung, dann ist wird einem klar: Gerade dieses Verhalten wie von der Aktion Mensch, dass sie in der Öffentlichkeit fast immer für Menschen mit Behinderung redet und AN deren Stelle, ist eine Unverschämtheit.

Zur Deutlichen Hevorhebung: Ich habe, wie viele andere Menschen mit Behinderungen, ein starkes Problem damit, wenn Nichtbehinderte FÜR und an DER Stelle von Menschen mit Behinderungen für sie reden.

Auf der IFA Berlin gab es am Stand der ARD ein Gespräch mit der Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber. Sie hat dann Fragen des Moderator Holger Klein zur Gehörlose, Gebärdensprache und so beantwortet.

Aus meiner Sicht eine Unverschämtheit. Ich habe mich dann auch beschwert und gefragt: "Warum wird  hier eine Gebärdensprachdolmetscherin über Gehörlose und Gebärdensprache befragt?" Daraufhin kam die Antwort: "Wir haben Laura nur zu ihrem Beruf befragt." und man teilte mir später noch mit, dass dies ja auch eine schöne Werbung wäre für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers. Nein, eben das ist nicht passiert.

Das Gespräch war übrigens nicht barrierefrei - da wurde über Gehörlose und Gebärdensprache gesprochen, aber es wurde nicht für Gehörlose gedolmetscht. Das ist einer der vielen Negativpunkte vom Gespräch.

Die beste Werbung für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wäre gewesen, wenn man eine gehörlose Person auf die Bühne gebeten hätte und sie dann befragt hätte zum Leben als gehörloser Mensch und der Gehörlosenkultur.

Gebärdensprachdolmetscher/innen haben kein Recht für Gehörlose oder über Gehörlosenkultur zu sprechen, wenn sie von den Medien dazu befragt werden. Was ist das denn bitte für ein Bild, das hier vermittelt wird? Damit hält man Gehörlose für unfähig als Vermittler/Botschafter für ihre Kultur, Sprache und Welt zu agieren.

Gute Gebärdensprachdolmetscher/innen sagen von sich selbst auch, dass sie nur das Werkzeug sind, d.h. sie dolmetschen von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt. Sie sind Brückenbauer.
Alles andere ist übergriffig.

Und Übergriffigkeit ist so 70er/80erJahre - erinnert sich noch jemand an die damalige "Aktion Sorgenkind", welche heute "Aktion Mensch" heißt? Am Weltbild der Aktion Mensch hat sich nichts geändert.

Bei Behindertenorganisationen, die NICHT von Menschen mit Behinderungen geleitet werden, muss man immer im Kopf haben, welches Weltbild und Geschäftsmodell die haben: Die verdienen ihr Geld damit, dass sie die Notlage von Menschen mit Behinderungen ausnützen und auch mit dem Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft.

Ich finde, dass es längst überfällig ist, dass die AktionMensch und andere Organisationen dieser Art sich zu diesem Geschäftsmodell bekennen sollten. Vielleicht hilft ja die dicke Freundschaft zum Bundespräsidenten zu diesem Bekenntnis...

Auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten finanziert die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher und darf dafür da vor Ort "tätig" werden, siehe auch Blogpost: "Die Aktion Mensch und der Bundespräsident"

Dieses Beispiel erklärt das Geschäftsmodell und die "Beziehungen" der Aktion Mensch zum Staat sehr gut: Die Aktion Mensch finanziert etwas, was der Staat, hier der Bundespräsident als Bundesbehörde selbst finanzieren müsste und ermöglicht es dem Staat so, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wenn man mal nach Amerika guckt, dann stellt man fest, dass viele Charity-Organisationen dort Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Staat leisten müsste und dies ist ganz eindeutig die Rolle, die die Aktion Mensch für sich vorsieht.

Nein - ich will nicht, dass es in Deutschland normal wird, dass Aufgaben, die der Staat von Gesetzes wegen machen muss, aus Bequemlichkeit oder weil sich eben solche Organisationen wie die Aktion Mensch anbieten, wegdelegiert.

Die deutsche Bundesregierung, egal welche, stiehlt sich schon seit Jahren aus der Verantwortung in Sachen Menschen mit Behinderung, der sie eigentlich von Gesetzes wegen nachkommen müsste, da sie ja auch die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat. Nur leider passiert gar nichts spürbares, denn das Signal aus der Bundesregierung ist sehr entmutigend, vor allem was das Bundesteilhabegesetz angeht oder die "Wir beteiligen uns GAR NICHT-"Beteiligung am europäiischen Schwerbehindertenausweis.

Und ich wiederhole hier gerne noch mal das gleiche: Die Aktion Mensch gehört abgeschafft, denn mit ihr wird es nie eine 100% Inklusion geben, denn das würde bedeuten, dass die Aktion Mensch sich selbst überflüssig macht. Und das will sie eben nicht.

Von daher lasse ich mich nicht behindern, sondern werde auch immer wieder meine Meinung zu solchen Dingen sagen.

Derzeit bin ich gerade in Berlin und war am Donnerstag im Musical "Grand Hotel Vegas" und habe da vor allem eins gelernt, dass da wo ausdrücklich mit "Inklusion" geworben wird, lediglich Integration stattfindet. Aber dazu morgen mehr im Blogeintrag. :-) 

Kommentare:

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