Mittwoch, 11. März 2015

Mit Hängen und Würgen

werden manche Artikel verfasst über Gehörlose und Gebärdensprache. Dies betrifft auch den Artikel in  des Journalisten Christian Palm, der in der FAZ einen Artikel über den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers verfasst hat:

"Mit Händen und Würgen" vom 27.02.2015

Beim Lesen des Artikels war ich mehr als entsetzt, denn im Artikel wimmelt es nur so vor haarsträubenden Fehlern. Der erste Schnitzer ist ganz klar derjene, dass Herr Palm von "Gebärdendolmetschern"  und "Gebärdendolmetschen" spricht statt korrekterweise von Gebärdensprachdolmetschern und gebärdensprachdolmetschen. Wie kann das einem passieren, wenn man mit einer Gebärdensprachdolmetscherin zum Interview trifft?

Im Einleitungssatz heißt es dann: "Wer wenig Geld für harte Arbeit bekommen möchte, sollte sich zum Gebärdendolmetscher ausbilden lassen. Unter den schlechten Bedingungen leiden nicht nur die Übersetzer."

Der Autor scheint sich nur ganz oberflächlich mit dem Beruf und dem damit verbundenen Hintergrund befasst zu haben, wenn man sich seine Fehler beim Thema ansieht.

Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist hart und die Bezahlung ist ordentlich, nicht die Bezahlung ist das Problem, sondern die hohe Bürokratie auf der Seiten der Gehörlosen UND auf den Seiten der Gebärdensprachdolmetschern.

Es ist oft ein harter Kampf eine Kostenübernahme zu bekommen für einen Gebärdensprachdolmetscher und es ist auch nicht immer einfach einen Gebärdensprachdolmetscher zu bekommen, weil es nämlich viel zu wenige Gebärdensprachdolmetscher gibt. Allein für Baden-Württemberg wird ein Gebärdensprachdolmetschermangel von ca. 250 Gebärdensprachdolmetschern angegeben für eine effizente Versorgung der Gehörlosen.

Zurück zum Artikel: Weshalb verwendet Herr Palm den Begriff Gesten für Gebärden? Gesten sind keine Gebärden. Gestikulieren ist nicht gleich Gebärdensprache.

Auch diese Beschreibung der Gebärensprache ist falsch: "Die Männer können manches Wort von den Lippen ablesen - oder „abgucken“, wie es Wagner ausdrückt. Deshalb bewegt sie ihren Mund simultan zu den Gebärden."

Das Mundbild gehört immer zur Gebärdensprache dazu. Und Gehörlose können eigentlich immer lippenlesen, aber das Niveau des Lippenlesen ist unterschiedlich gut bei Gehörlosen. Manche können nicht sehr gut ablesen, manche etwas besser und manche ganz gut. Und nur extrem wenige können extrem gut von den Lippen lesen.

Für Gehörlose sind Hörende zudem keine "Sprechenden", wie im Artikel behauptet wird, sondern einfach Hörende.

Weiterhin heißt es im Artikel:" Sie begleiten Taube und Hörgeschädigte zu Arztterminen, helfen ihnen am Arbeitsplatz und in vielen privaten Situationen."

Nein, Gebärdensprachdolmetscher begleiten Gehörlose und Schwerhörige nicht zum Arzttermin wie ein "Betreuer", sondern sind beim Arzttermin anwesend und sorgen für eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient. In dem Fall ist sowas sehr wichtig.

Und für private Situationen, wie z.b. eine Hochzeit muss man den Gebärdensprachdolmetscher selbst bezahlen.

Es ist auch falsch zu sagen, dass Gebärdensprachdolmetscher Gehörlosen am Arbeitsplatz helfen, denn es ist anders: Sie helfen nicht. Sie sind einfach zum Dolmetschen da. Oder würde man sagen, dass ein Dolmetscher für Mandarin einem Chinesen am Arbeitsplatz bei der Arbeit hilft? Die ganze Formulierungen klingen so betreuungsmässig.

Und richtig, der Autor des Artikels hält Gebärdensprachdolmetscher wirklich für Betreuer der Gehörlosen, denn er schreibt nämlich: In Hessen betreuen rund 50 Simultanübersetzer etwa 5000 Leute, die eine solche Unterstützung brauchen."

Nochmal: Gebärdensprachdolmetscher sind keine Betreuer von Gehörlosen, sondern Kommunikationswerkzeuge, wenn man es ganz hart ausdrücken will. Dolmetscher sagen ja auch von sich, sie sind eigentlich als Person bei der Arbeit nicht da, sondern sie sind das Werkzeug der Gehörlosen.

Zudem ist die Verkrampfung im Arm der Gebärdensprachdolmetscherin keine Verkrampfung gewesen, sondern eine Armentzündung, was ab und zu bei Gebärdensprachdolmetscher*innen vorkommt. Und woher weiß ich, dass es eine Armentzündung ist? ;-) Ich kenne dieses Leiden von Gebärdensprachdolmetscher*innen, es gibt einige die davon betroffen sind, denn der Beruf ist eben auch körperlich anstrengend.

Die im Artikel vorgestellten Gebärdensprachdolmetscherinnen sind mit dem Artikel auch ganz und gar auch einverstanden und haben eine lesenswerte Stellungsnahme geschrieben:

Der Artikel von Herrn Palm wurde also mit viel Hängen und Würgen und schlechter Recherche geschrieben. Vielleicht sollten Journalisten bei einem Thema, wovon sie keine Ahnung haben oder sich nicht ganz sicher sind, lieber mit den Interviewpartnern zusammenarbeiten statt sich für die Fehler im Artikel kritisieren lassen zu müssen. Das tut beiden Seiten gut - man kann doch gut voneinander lernen! 

Dienstag, 10. März 2015

Verstehen Sie Gebärdensprache?

Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie die Gebärdensprache als eine sehr schöne Sprache empfinden und Sie diese auch gerne können würden, richtig? :-)

Es stimmt, die Gebärdensprache ist eine der schönsten Sprachen der Welt und nicht gerade einfach zu erlernen.

Quizfrage: Was ist das? Ein Typ, der wie verrückt mit den Händen herumfuchtelt und dabei grimassiert wie ein Neandertaler?

Der hörende Schauspieler, der im Film "Verstehen Sie die Béliers?" einen Gehörlosen spielt.

Weitere Quizfrage: Was ist das? Eine Frau, die unkontrollliert mit den Händen herumzappelt, als würde man sie mit Stromschlägen traktieren?

Die hörende Schauspielerin, die im Film "Verstehen Sie die Béliers?" eine Gehörlose spielt.

Die Story von "Verstehen Sie die Béliers?" geht so: Die Bauernfamilie Bélier sind eine ganz normale Familie, die auf dem Wochenmarkt ihren selbstgemachten Käse verkauft. Bis auf die 16jährige Tochter Paula sind alle gehörlos. "Amtssprache" der Beliers ist die Gebärdensprache. Paula ist die die Dolmetscherin ihrer Familie und übersetzt auf dem Markt für ihre Eltern. Auch in der Schule oder beim Arzt muss sie für ihre Eltern übersetzen -  auch dass ihre Eltern vorerst Sexverbot haben. So läuft das Leben der Familie Béliers ganz normal, bis Paulas Gesangstalent entdeckt wird und sie nach Paris gehen soll - räumlich weg von ihrer Familie.

(An dieser Stelle, die dicke und fette Anmerkung: Ich habe den Film nicht gesehen und werde ihn auch nicht sehen. Mir hat es gereicht, den Trailer zu sehen, um die Fehler aufzuzählen. Klingt jetzt zwar bockig, aber warum soll ich einen Film anschauen, wenn der Trailer schon tausend Fehler enthalten hat? Und der Trailer selbst hat keine Untertitel, obwohl es im Film über Gehörlose geht. Wir vom Deafmag haben den Trailer untertiteln lassen.)

Hier geht es zum Filmtrailer "Verstehen Sie die Béliers?" mit den Untertiteln by DeafMag: http://blog.deafmagazine.de/?p=432


Ui, was für eine innovative Story! Das hat es jetzt noch nicht gegeben, echt jetzt! So ähnlich haben wohl die Produzenten der Filmfirma anhands des Drehbuchs gedacht.

Doch - der Plot ähnelt dem Film "Jenseits der Stille" von 1996 sehr: In Laras Familie sind alle außer Lara gehörlos, die "Amtssprache" der Familie ist Gebärdensprache. Und Lara muss für ihre Eltern auf der Bank die Gespräche übersetzen oder die Gespräche mit Laras Lehrerin. Eines Tages bekommt Lara eine Klarinette geschenkt und ihr musikalisches Talent wird entdeckt, was für die Eltern befremdlich ist. Auch wird dieser Weg Lara weg von ihrer Familie führen - also räumlich.

Interssante Ähnlichkeiten, nicht wahr? Und sehr augenöffnend, denn es ist kein Zufall, das Hörende sehr auf die Musik fixiert sind, ohne es zu wissen. Ich bekomme es ja immer wieder mit, denn die Lieblingsfrage der Hörenden, wenn sie mitbekommen, dass ich gehörlos bin ist: "Aber was ist mit der Musik? Vermisst du sie nicht?" Blogeintrag hierzu: "Die Lieblingsfrage aller Hörenden dreht sich um die Musik"

An dieser Stelle sei mir die Frage erlaubt, warum man Geschichten über Gehörlose aus hörender Sicht immer mit Musik verbinden muss. Ich bin übrigens nicht die einzige, die sich diese Frage stellt - Artikel aus dem Guardian:

La Famille Bélier is yet another cinematic insult to the deaf community

Bei "Jenseits der Stille" funktioniert dieser Plot aber aus vielen verschiedenen Gründen: Die gehörlosen Rollen im Film werden alle von echten Gehörlosen gespielt. Die Geschichte konzentiert sich nicht auf das vermeintliche Defizit des Nichthörens, sondern es geht um die Beziehung eines Kindes zu ihren Eltern und ich finde, das "Jenseits der Stille" sehr klar gemacht hat, dass Gehörlose eben so wie du und ich sind. Und es wird mehr als eine Geschichte erzählt: Da wäre zu einem die schwierige Beziehung des Vaters zu seiner Familie aufgrund seiner Gehörlosigkeit und die Mutter als sein Rettungsanker. Und die Tante als Laras großes Vorbild in Sachen Musik, die Laras Talent auch fördert. Und es ist die Mutter, die mit ihrer Klugheit und Sanftheit dem Vater erklärt, dass er seine Tochter so akzeptieren muss, wie sie ist: hörend. Auch wird in einer Szene mehr als andedeutet, wie froh Lara ist, dass die kleine Schwester auch hören kann…

"Jenseits der Stille" ist ein starker Film, der sich keine Minute über Gehörlose lustig macht oder allzu belehrend vorkommt. Und vor allem ist er authentisch. Und wir Menschen lieben authentische Darstellungen, weil wir uns damit identifizieren können. Hier ein Blogeintrag mit interessanten Fakten zum Film und den Darstellern, ua. hat man am Set in 3 verschiedenen Gebärdensprachen kommuniziert: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/07/jenseits-der-stille.html

Und hier eine meiner Lieblingsszenen aus "Jenseits der Stille" - achtet mal darauf, wie man ganz beiläufig eingebaut hat, wie man z.b. "klingelt": https://www.youtube.com/watch?v=-DgnbQCnsVI&spfreload=10

Mit der Darstellung der Gehörlosen von "Verstehen Sie die Béliers?" kann ich mich keine Sekunde lang identifizieren. Ich muss nur in die Gesichter der hörenden Schauspielern sehen, um zu wisssen, dass sie nicht gehörlos sind. Auch habe ich gelesen, dass die hörenden Darsteller 6 Monate lang Gebärdensprache gelernt haben sollen für den Film. Davon ist aber nichts zu merken. Auch ist die Bewerbung des Vaters als Bürgermeister der Stadt eher so eine Nebengeschichte, die plötzlich versickert und offenbar nur für den Gag:"Warum sollten die Leuten keinen Gehörlosen zum Bügermeister wählen? Sie haben doch auch einen Idioten gewählt." gedacht war. Die Gebärdensprache wurde im Film sehr offenkundig ins Lächerliche gezogen und mehrfach war lediglich nur Gezappel zu sehen, welches irgendetwas darstellen sollte in Gebärdensprache.

Die Schönheit der Gebärdensprache hat diese Verzerrung in ein undefinierbares Gezappel nicht verdient. Und es zeigt Hörenden ein völlig falsches Bild von der Kreativität, der Ironie und der Kraft der Gebärdensprache. Und vor allem erzeugt es ein falsches Bild von Gehörlosen. Und was soll die Aussage sein? So stellen sich Hörende vor, wie es wäre gehörlos zu sein und sich per Gebärdensprache zu verständigen?

Was viele Hörende nicht wissen und es auch für sie nicht vorstellbar ist, aber es ist wirklich so: Wenn ich irgendwo unterwegs bin und ich sehe zufällig einen Unbekannten, der in dem Moment nicht spricht oder nicht gebärdet, dann merke ich aber trotzdem an der Art, wie die Person schaut, dass sie gehörlos ist. Und wenn sich dann unsere Blicke treffen, dann kommen wir meistens immer sofort ins Gespräch, denn wir haben durch unseren Scanner entdeckt, dass wir eine gemeinsame Verbundenheit haben: Die Gehörlosigkeit und die Gebärdensprache.

Diesen Ausdruck in den Augen können Hörende einfach nicht kopieren, weil es nun mal nicht möglich ist. Auch nicht von Schauspielern, denn ich kenne bisher keinen einzigen Hörenden Schauspieler, der es geschafft hat, einen Gehörlosen authentisch zu spielen.

Noch ein interessanter wichtiger Punkt: Der Film "Jenseits der Stille" spielt 1996. Damals gab es noch viel weniger Gebärdensprachdolmetscher als heute, weswgen "CODAS" (Child(ren) of Deaf Adults) häufig als Gebärdensprachdolmetscher für ihre Eltern fungiert haben. Diese Praxis des Dolmetschens lehnen aber heute die Gehörlosen alle ab für ihre hörenden Kindern, weil sie nicht wollen, dass die Kinder mit "erwachsenen" Dingen belästigt werden und daher zu schnell erwachsen werden, weil sie so früh Verantwortung übernehmen müssen.

Der Film "Verstehen Sie die Béliers?" diskriminiert Gehörlose gleich mehrfach.

Wir haben jetzt 2015 und die Filmschaffenden scheinen sich nicht ausgiebig mit der Materie der Gehörlosen beschäftig zu haben, sonst wüssten sie davon, dass es heutzutage verpönt ist unter Gehörlosen, CODAS als Dolmetscher einzusetzen. Weiterhin haben die Filmschaffenden es einfach übersehen, dass es großartige gehörlose Schauspieler gibt - sogar in Frankreich selbst!

Alle gehörlosen Rollen im Film werden von Hörenden gespielt. Das ist eine ganz offenkundige Diskriminierung. Man nimmt Gehörlosen das Recht weg, sich selbst zu spielen.

Emanuelle Laborit, welche in "Jenseits der Stille" die Mutter spielt, ist selbst gehörlos und mehrfach ausgezeichnet worden. Ich frage mich wirklich, warum man sie nicht für die Rolle der gehörlosen Mutter besetzt hat? Es ist wirklich so: Hörende Schauspieler nehmen gehörlosen Schauspielern die Jobs weg, in dem sie die gehörlosen Rollen bekommen und es nicht schaffen, die Rolle authentisch zu spielen.

Die Frage sei mir erlaubt: Warum wird es immer noch toleriert, dass es okay, ist dass Hörende Gehörlose spielen und über diese Art darüber bestimmen, wie Gehörlose von der Außenwelt wahrgenommen werden?

Susan Sarandon sagte bei der goldenen Kamera, dass Film eine wichtige Aufgabe hat und Filmschaffende sich dessen bewusst sein sollten, wen sie oder was sie darstellen und vor allem die Realität nicht verzerren sollten. Weiterhin sprach sich Sarandon sich noch energisch gegen Diskriminierung im Filmbusiness aus. Und damit hat sie Recht. Nichtbehinderte Schauspieler, die Menschen mit Behinderung spielen, diskriminieren Menschen mit Behinderung. So einfach ist das.

Wir haben nicht zu wenige gehörlose Schauspieler, sondern wir haben eigentlich genügend gehörlose Schauspieler weltweit. Die bekanntesten sind natürlich:
Marlee Matlin aus "Gottes vergessene Kinder", "The West Wing", "The L-Word", "Switched at Birth"
Emanuelle Laborit ("Jenseits der Stille", "StilleLiebe", "Die stumme Herzogin")
Howie Seago (Jenseits der Stille, "Hunter", "Star Trek" "A permant Grave)

Wenn ich jetzt noch mehr aufzählen würde, dann würde das den Blogeintrag zu lang werden.

In Amerika gibt es eine interessante Bewegung unter den gehörlosen Filmschaffenden, denn in dem Film "Medeas" spielt eine Hörende die Rolle einer Gehörlosen. Und die Darstellung ist natürlich sehr falsch, weswegen sie die gehörlosen Filmschaffenden in Amerika unter dem Hashtag #deaftalent zusammengetan haben.

Lydia Callis, die Gebärdensprachdolmetscherin aus New York, die wegen des Sturmes Sandy berühmt wurde, unterstützt diese Bewegung auch und hat einen Artikel für die HuffPo geschrieben:
"Lets see more #deaftalent in Hollywood!"

Schaut mal rein unter dem Hashtag #deaftalent und beim Twitteraccount: @deaftalent vorbei und bei Youtube: https://www.youtube.com/channel/UC_-dD1cD8AshwGuVAwpfOxQ Dazu gibt es dieses schöne Bild:
(Bildbeschreibung - Dort steht: DEAF PEOPLE HAVE THE RIGHT TO REPRESENT THEMSELVES. DEAF ROLES ARE MEANT FOR DEAF ACTORS.)

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. So ist es. :-)

P.S. Am 15. März habe ich zufällig den Film in Berlin gesehen, da er im Kino direkt um die Ecke von mir mit OMU kam. Und nach dem Schauen des Films war noch noch entsetzer als zuvor, weil der Film genau die Eindrücke aus dem Trailer regelrecht zementiert hat.

Der Film ist einfach nur eine Katastrophe.