Samstag, 30. April 2016

Warum Gebärdensprache-Handschuhe nutzlos sind!

Auch so ein Thema, was alle paar JAHRE immer mal wieder durch Social Media geistert und unwissende Hörende jubeln lässt: "Damit sind Gehörlose endlich nicht mehr isoliert und Menschen ohne Gebärdensprachkenntnisse können damit mit Gehörlosen kommunizieren."

Es scheint ein Sport unter verschiedenen Universitäten zu sein, alle paar Jahre mit so einer "NEUEN" Entwicklung, einem Handschuh, der Gebärdensprache übersetzt, um die Ecke zu kommen, die alle an einem kapitalen Denkfehler scheitern, was daran liegt, dass die Entwickler sich null Wissen über die Gebärdensprache aneignen, sondern nur denken: "Hört sich saugut an und wir werden alle gefeiert dafür!"

2015 entwickelte ein Team an der polytechnischen Universität in Mexico City einen solchen Handschuh.  2015 entwickelte die Hochschule in Magdeburg-Stendal ebenfalls so einen Handschuh. "Wereable" heißt er.  Im gleichen Jahr auch von einer saudi-arabische Entwicklerin. 2014 wurde so ein Handschuh von der Cornell University, USA entwickelt. 2012 von einem ukrainischen Team.

Wie gesagt: Diese Erfindungen sind alle nichts Neues. Null. Lustig ist ja, dass die Medien, die über solche Erfindungen berichten, gleich alle immer jubeln: "ABSOLUTE NEUHEIT!" und es als Durchbruch für die Inklusion zwischen Hörenden und Hörenden ansehen.

Und sie scheitern alle an einem Denkfehler: Es wird davon ausgegangen, dass so ein Handschuh Gebärdensprache so gut übersetzen kann wie ein Dolmetscher. Das ist nicht der Fall. Gebärdensprache ist mehr als nur Gebärden. Die Sprache ist 3-Dimensional, sie besteht aus Gebärden, Körpersprache und Mimik. Von der Mimik hängt es übrigens häufig ab, ob aus einem Satz in Gebärdensprache eine Frage oder eine Antwort wird. Das alles wird dieser Handschuh nicht übersetzen können und er kann auch den Kontext nicht mitbedenken und übersetzen.

Außerdem hat die Gebärdensprache eine eigene Grammatik und Syntax, woran auch deutlich wird, dass man sie nicht mit der Lautsprache vergleichen kann.

Und die Übersetzung findet nur in eine Richtung statt. Beispiel: Gehörlose Person geht in ein Geschäft, wo der Handschuh eingesetzt wird. Er fragt etwas mit dem Handschuh in Gebärdensprache - die Übersetzung von der Gebärdensprache in die Lautsprache erfolgt mit dem Handschuh. Der hörende Verkäufer weiss jetzt zwar, was die gehörlose Person möchte, aber es erfolgt keine Rückübersetzung von Lautsprache in die Gebärdensprache.
Da endet die Kommunikation, die nie eine Kommunikation war, weil sie nicht funktioniert, weil sie nicht in zwei Richtungen funktioniert.

Und da sind wir nun wieder am ursprünglichen Problem: Wie verbessert man die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden so, dass sie funktioniert?

Meiner Meinung nach geht das echt nur über Gebärdensprachdolmetscher, die man zur Verfügung stellt vor Ort oder die per Video zugeschaltet werden, was heute machbar ist bei den vielen Tablets und Smartphones. Ich würde nie diese Handschuhe mit mir herumschleppen wollen, warum zusätzliches Gepäck dabei haben? Dolmetscher-To-Go, egal ob vor Ort oder online, sind viel praktischer und sicherer, weil ich die bestmöglichste Garantie habe, dass der Dolmetscher auch wirklich akkurat übersetzt und das ist für uns Gehörlose extrem wichtig, weil wir so oft an Missverständnisse geraten und uns über einen Dolmetscher davor schützen können.

Anhand dieser Fakten, die man nur kennen kann, wenn man grundlegendes Expertenwissen über Gebärdensprache verfügt, ist es völlig klar: Diese Handschuhe werden nie die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen entscheidend verbessern, weil die Rückübersetzung nicht verfügbar ist bis jetzt. Und das werden diese Handschuhe auch nicht leisten können, weil sie eben das komplette Spektrum der Gebärdensprache NICHT abdecken können und so fehleranfälliger sind als jeder Software die z.b. Lautsprache in Text übersetzt.

Also, liebe Medien: Hört bitte auf, diese Handschuhe als bahnbrechendes Wundermittel zur Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden zu bezeichnen, denn das stimmt nicht. Und rechechiert doch mal ordentlicher nach bei dem Thema und/oder befragt gehörlose Experten. Und die werden alle das gleiche sagen: "Im Endeffekt nutzlos."

Danke.
Einen sehr guten Artikel über diese Gebärdensprach-Handschuhe hat ebenfalls Katie geschrieben, er ist auf Englisch - ich empfehle ihn ausdrücklich weiter: http://katies.online/katiesblog/index.php/2016/04/27/yes-ive-seen-the-signing-gloves/

Kommentare:

  1. Ja, aber... auch ein online translator ist nicht so gut wie ein übersetzer - und trotzdem besser als gar nichts. Es ist ein erster schritt, und der ist gut, egal ob perfekt oder eben nicht. so ist da mit neuen sachen.

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  2. Vielen ist gar nicht bewusst, wie wichtig es ist zu sehen. Wenn man sieht, wie fahrlässig mit den Augen umgegangen wird, durch z.B. schlechte Sonnenbrillen oder Laser in den Discotheken, kann einem ganz anders werden.
    3 Tage in kompletter Dunkelheit leben, würde viele zum umdenken bringen

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  3. Bin recht spät und zufällig hier gelandet und habe nur eine Korinthe und eine Frage vorzubringen.

    Zunächst die Korinthe: "grundlegendes Expertenwissen"? Nö. Es reicht "grundlegendes Wissen" über Gebärdensprache, um zu verstehen, dass der Handschuh nie das wird leisten können, was die Erfinder behaupten. Man muss eben nicht ein Experte sein, um zu verstehen, dass die Analyse der Bewegungen der Hände für so einen Übersetzungsautomaten notwendig, aber nicht hinreichend sind.

    Nun die Frage: Wie kann jemand wirklich glauben, dass ein Übersetzungswerkzeug wirklich zwischen Sprechern verschiedener Sprachen übersetzen kann, wenn nur eine Richtung implementiert wird? (OK, auf die Frage wissen Sie wahrscheinlich auch keine Antwort...)

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