Mittwoch, 11. Oktober 2017

Musikdolmetschen ist so überflüssig wie Fußpilz!

Und das ist aus verschiedenen Faktoren einfach so.

Worum geht es eigentlich beim Musikdolmetschen? Musikdolmetschen ist die Bezeichnung für das Übersetzen der Musik bzw. Songtexte in Gebärdensprache.
(Hier ein kleiner Einschub - da offensichtlich viele Leute denken, dass ich damit auch Untertitel meine. Das ist falsch. Ich rede von den Übersetzungen der Gebärdensprachdolmetschern bei Konzerten. Wenn ein (hörender) Gebärdensprachdolmetscher Musik übersetzt, so ist das immer eine eigene Interpretation der Lautsprache in die Gebärdensprache. Und mit den Regeln des Dolmetschen der Gebärdensprache hat das fast gar nichts mehr zu tun.  An sich schreibt also ein hörender Gebärdensprachdolmetscher Gehörlosen vor, wie die Musik zu "sehen haben. 
Und zweitens: Untertitel sind Verschriftlichungen der Lautsprache - und sind ganz klar im Fernsehen und DVD/Youtube zuhause - also im Bewegtbild. Und in der Oper heißen Untertitel Obertitel. Und ich bin immer für Untertitel und Gebärdensprache IM Fernsehen, weil das zur Barrierefreiheit gehört.) 

An sich ist Musikdolmetschen ein schönes Ding - ich schau mir das auch gerne an, aber da gibt es ein ganz großes und fettes Aber, weil ich Qualität zu schätzen weiß:

Ich mag die Übersetzungen der tauben Gebärdensprachdolmetscher bei Konzerten viel lieber. Moment mal, taube Gebärdensprachdolmetscher? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Nein. Taube Gebärdensprachdolmetscher übersetzen meistens von einer fremden Gebärdensprache in die Muttersprache und umgekehrt. Oder Schrifttexte in eine Gebärdensprache. Oder sie werden vom hörenden Gebärdensprachdolmetscher "gefüttert", um dann die "Nahrung" in den muttersprachlichen echteren Kontext zu bringen, so dass sie auch wirklich verstanden werden Gehörlosen.

So fand ich die Übersetzungen der tauben Gebärdensprachdolmetscher beim Songcontest Eurovision aus Wien wirklich gut gemacht und auch gut anzuschauen. Darüber habe ich hier schon mal gebloggt: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2015/07/mehr-musikvideos-statt-mehr-echte.html

Zurück zum eigentlichen Thema: Musikdolmetschen ist überflüssiger Luxus, denn bei einem Mangel von 250 Gebärdensprachdolmetschern pro Bundesland, ist die Grundversorgung der Gehörlosen nun mal nicht mal im Alltag irgendwie auch nur ansatzweise komplett gesichert. Das bedeutet im Umkehrschluss: Jeder (hörende) Gebärdensprachdolmetscher, der da auf Konzertbühnen dolmetscht, der fehlt an einer viel wichtigeren Ecke.

Mir wird wohl jeder zustimmen, dass niemand möchte, dass ein gehörloser Mensch in einer Notfallsiuation stirbt, weil kein Dolmetscher frei war, richtig? Jetzt kommt die gemeine Steigerung der Frage: Was wäre, wenn man den Tod des Gehörlosen verhindern hätten können, wenn der hörende Gebärdenspracholmetscher zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Bühne gestanden hätte, sondern frei gewesen wäre, wenn man ihn NICHT für das Musikdolmetschen engagiert hätte?

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass das eine sehr weit hergeholte Situation ist, aber das ist etwas,
was bei dem extremen Dolmetschermangel passieren kann und wohl auch schon passiert ist, dass
Gehörlose deswegen medizinisch oder in anderen wirklich wichtigen Situation unterversorgt waren und sind.

Musikdolmetschen deswegen zu forden, weil man Inklusion für alle fordert, ist so als würde man in einem Gebiet mit extremer Trockenheit und Wassermangel, eine Bewässerungsanlage für den eigenen Garten forden.

Die bisherigen Ressourcen geben das einach nicht her, weswegen man mit dem vorhandenen Material arbeiten muss, was da ist: Die Grundversorgugung aller wichtigen Bereiche sicherstellen, wie z.b. Verdolmetschung aller politischen Veranstaltungen, Verdolmetschung von allen Nachrichtensendungen im Fernsehen, Verdolmetschungen aller Elternabende im Kindergarten und Schule, Verdolmetschungen auch bei kurzfristigen Arztbesuchen oder im Krankenhaus, Verdolmetschungen an REGELSCHULEN, Verdolmetschungen von Geburtskursen, Verdolmetschungen von Behördengängen, Verdolmetschungen von Verbraucherschutzzentralen, Verdolmetschung beim Autokauf, Verdolmetschung beim Häuserkauf und beim Anwalt und auf der Bank... Ich könnte diese Liste hier endlos aufzählen - das sind alles Bereiche, die extrem notwendig sind und dort die Versorgung nicht mal ansatzweise irgendwie zufriedenstellend gesichert sind.

In der Regel ist es aufgrund des extremen Mangels sogar so, dass man Gebärdensprachdolmetscher 6-4 Wochen vorher bestellen muss und selbst dann gibt es keine 100% Garantie, dass es klappt.

Und wisst ihr, was das Schlimmste ist: Häufig ist so, dass Gelder für das Musikdolmetschen auch von öffentlichen Stellen also öffentlicher Hand viel einfacher locker gemacht werden statt für wirklich wichtige Dinge, weil Hörende sich ja sooo mit den armen Gehörlosen identifizieren und ihnen unbedingt Zugang zur Musik geben wollen statt anderen wichtigen Dingen. Das ist doch zum Haare raufen, oder?

Mir kann doch keiner erzählen, dass man es gut findet, dass Gehörlose um Barrierefreiheit bei wichtigeren Dingen regelrechte kämpfen und sich das ertrotzen müssen mit viel Aufwand, während das Musikdolmetschen oft einfach ohne großen Aufwand bewilligt wird?

Meiner Meinung nach müsste man hier der öffentlichen Hand das Verbot ausssprechen, dass Gelder überhaupt für Musikdolmetschen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern ausgegeben wird - sollen doch die Bands selber für die Kosten übernehmen. Etwas anderes wäre es, wenn die Band mit tauben Gebärdensprachdolmetschern zusammenarbeiten würde für Übersetzungen, weil das wäre nämliche eine Zusammenarbeit, die wirklich inlusiv wäre - aber das ist eine andere Schiene jetzt.

Wenn die BANDS die Gebärdensprachdolmetschern aus eigener Tasche bezahlen ohne Finanzierung aus öffentlicher Hand oder irgendwelche Charity-Organisationen, dann können die das gerne machen. Eine Stunde Gebärdensprachdolmetscher kostet 75 Euro. 

Übrigens hat das Grimme Institut dieses Jahr den Grimmepreis für das Musikdolmetschen vergeben, was in meinen und in den Augen vieler anderer Gehörlosen und auch Gebärdensprachdolmetschern so ist, als würde man einen Hörfilmpreis ausloben für den besten Farbfilm.

Was mich und viele andere Gehörlose übrigens noch massiv am Musikdolmetschen stört ist, dass vor allem beim Publikum ankommt: "OH, die Band ist ja so sozial eingestellt, die denken an die armen Gehörlosen, die würden sonst GAR NICHTS von der Musik haben." Und so ist die Berichterstattung auch - die Band kommt gut weg in dem Bericht - dahinter steckt nichts anderes als der pure Chartiy-Gedanke und die totale Mitleidschiene. Das gleiche kann man auch bei Filmen beobachten mit gehörlosen Geschichten sind fast immer mit Musik verbunden.

Die beste Werbung für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist immer noch, wenn Gebärdensprachdolmtscher bei esstentiell wichtigen Veranstaltungen und bei allen Nachrichtensendungen im Fernsehen ein selbstverständlicher Bestandteil sind und der Beruf dadurch so sichtbarer wird. So kann man den Nachwuchs rekrutieren.

Und ich bin ja nicht bei weitem die einzige Stimme unter den Gehörlosen, die das Musikdolmetschen als überflüssig ansieht und daran heftige Kritik übt. Die beiden Artikel hier zeigen sehr gut auf, was das wirklich kranke daran ist: http://archiv.taubenschlag.de/meldung/10059

Wir können gerne über das Musikdolmetschen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern reden, wenn die Grundversorgung aller Gehörlosen gesichert ist - momentan ist aber die Wichtigkeit von Musikdolmetschen so wichtig wie ein Fußpilz bei der Auflistung von Barrierefreiheit. Es ist nun mal die harte Realität, dass wir bei dem Mangel an Dolmetschern an die Grundversorgung denken müssen.

Und das bedeutet nicht, Minderheiten auszuschließen, sondern die Grundversorgung aller Gehörloser zu sicherstellen - nämlich genau die gleichen selbstveständlichen Sachen jeden Tag barrierefrei für Gehörlose anzubieten, die für Hörende selbstverständlich jeden Tag barrierefrei sind.

Wenn dieser Tag da ist, bin ich gerne bereit, Musikdolmetschen nicht mehr als Fußpilz zu sehen.


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