Sonntag, 15. Oktober 2017

"Taubstumm" ist einfach ein No-Go!

Die Medien lernen es offenbar nie: Da hat der STERN einen Bericht über eine App für "Taubstumme" online und der Artikel ist voller Fehler.

Ich hab den Artikel mit einem donotlink versehen, weil ich nicht möchte, dass solche Artikel Traffic erhalten: 18-Jähriger entwickelt App, die Taubstumme kommunizieren lässt.

Erstens: Gehörlose als Taubstumme zu bezeichnen ist einfach unzutreffend, da Gehörlose in keinster Weise stumm sind. Wir können sprechen, unsere Stimme hört sich einfach nur ungewohnt hat. Und sehr viele Gehörlose benützen ihre Stimme einfach nicht, weil sie es nicht wollen, da sie sich damit unwohl fühlen.

Außerdem ist kein Mensch stumm, der über eine Sprache verfügt, ergo sind Gehörlose mit Gebärdensprache als Muttersprache oder Zweitsprache nicht stumm.

Ich habe hier schon öfters erklärt, warum Medienschaffende sensibler sein sollten, wenn sie über Menschen mit Behinderungen berichten. Oder mal in den Duden reinschauen sollten - dort steht auch, dass der Begriff Taubstumm nicht empfohlen wird.
Hier ist der besagte Blogeintrag von 2009 (!) dazu:
Ein wichtiger Hinweis für die Medienbranche.

Kurzfassung: Gehörlos oder Taube als Begriff ist okay, Taubstumm jedoch ein absolutes No-Go.

Weiterhin offenbart der Artikel deutlich, dass der Verfasser kein Expertenwissen hat von Gehörlosen, denn dort steht: "Die kostenlose Applikation übersetzt Text in Sprache und vice versa. " Hier haben wir genau das gleiche Problem: Es ist eine Einbahnstraßen-Lösung.

Die gehörlose/taube Person muss also den Text eingeben, die dann in Lautsprache übersetzt wird. Aber es gibt keine Rückübersetzung von der Lautsprache in Gebärdensprache
Das wird es auch nie geben bei diesen technischen Lösungen, weil die Gebärdensprache ihre eigene Grammatik und Syntax hat. Außerdem ist die Schriftsprache für die meisten Gehörlose eine Fremdsprache, weswegen sie in der Schriftsprache auch nicht zuhause sind.

Das ist der Denkfehler bei solchen technischen Lösungen für die armen, armen Gehörlosen - es sind Übersetzer für Hörende, aber nicht für Gehörlose!

Und natürlich weist der Artikel am Ende daraufhin, dass Gebärdensprach-Handschuhe jaaaa die ultimative Lösung sind in Sachen Kommunikation für Gehörlose - und hier kann man den gleichen Denkfehler vorfinden - ich habe dazu auch schon mal ausführlich im April 2016 dazu gebloggt, warum Gebärdensprach-Handschuhe auch eine Einbahnstraße sind kommunikationstechnisch:
Warum Gebärdensprach-Handschule nutzlos sind
Besonders schmunzeln musste ich auch bei der Angabe des Erfinders aus Argentinien, dass es noch keine Hilfsmittel dafür gäbe in solchen Situationen: "Wenn ein Gehörloser Auto fährt, ist es wichtig, dass er Warnsignale erkennt, wie beispielsweise herannahende Krankenwagen. Genauso fehlt bislang die Technologie, dem Gehörlosen darzustellen, dass es an der Tür klingelt oder das Baby weint."

OOOH. Ich fahre genau wie meine gehörlosen Freunde schon SEIT Jahren Auto und das ganz ohne Hilfsmittel. Wir benützen unsere Augen und sind komischerweise immer die ersten, die zur Seite fahren, wenn ein Krankenwagen herankommt, weil wir visuelle Menschen sind. Und für das Klingeln an der Haustüre/Telefonklingeln oder Babyschreien? Nun, dafür gibt es Blitzlichtanlagen/Vibrationsalarme, die man sich in die Wohnung installieren kann. Und das schon seit Jahren. Auch in Südamerika.

Das müsste der Erfinder eigentlich wissen, da laut dem Artikel seine Mutter Gebärdensprachdolmetscherin ist und Gehörlose unterrichtet. Aber auch hier scheint der Verfasser des Artikels etwas ganz gründlich durcheinandergebracht haben. Gebärdensprachdolmetscher übersetzen zwischen Hörenden und Gehörlosen, d.h. von der Lautsprache in Gebärdensprache und von Gebärdensprache in Lautsprache - sie sind keine Lehrer für Gehörlose!

Ich wünsche mir da echt mal, dass die Verfasser solcher Artkel mal ordentliche Hintergrundrecherche betreiben, bevor sie so grundfalsche Artikel über Gehörlose und deren Situation schreiben.

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